Hallo!

Ich schreibe hier einen Bericht über eine selbstgefangene Chthonolasius Königin. Zuerst möchte ich noch einiges allgemein über diese Untergattung klären. Alle Arten dieser Lasius- Untergattung sind temporäre Sozialparasiten, dass heißt die Königin (bzw. das Volk) ist nur in der Gründungsphase auf ein Wirtsameisenvolk angewiesen. Die Königinnen, welche meist eher in Brauntönen gefärbt sind, bringen gelbe Arbeiterinnen hervor, welche auf den ersten Blick leicht mit den häufigeren Lasius (Cautolasius) flavus zu verwechseln sind. Die Königinnen gründen wahrscheinlich vorwiegend in weissellosen Nestern ihrer Wirtsameisen, Lasius s.str., also beispielsweise Lasius niger, alienus oder psammophilus. Die bräunlich bis schwarzen Wirtsarbeiterinnen versterben aber mit der Zeit, und werden durch den gelben Chthonolasius Nachwuchs ersetzt.

Als ich heute Mittag in der Hitze mit meiner Mutter spazieren war, liefen überall tausende von Lasius s.str., hauptsächlich niger, Königinnen herum. Ich hielt die Ganze Zeit Ausschau nach etwas bestimmtne, nämlich einer Chthonolasius. Alate, unbegatte Tiere hatte ich schon früher gefunden, eine begatte ist mir dann aber bis zu dem Zeitpunkt nicht über den Weg gelaufen.
Gefühlte 100 niger weiter, sah ich tatsächlich eine! Leider entkam sie mir, und so machte ich mich am Abend wieder auf, eine neue zu fangen. In einem vermutlich ergiebigeren Gebiet! Denn Chthonolasius bevorzugen oft etwas schattigere Bereiche, teilweise in Totholz. Also machte ich mich auf an ein „grünes Fleckchen“ mit einem kleinen Wald – kaum kam ich mit dem Fahrrad dort an, landete direkt eine Königin vor mir und ich konnte beobachten, wie sie ihre Flügel abstreifte.
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Ich nahm sie mit einer Fangbox- auf diesem Bild erkennt man gut die typischen Merkmale der Sozialparasiten. Insgesamt kleiner als Lasius niger, vor allem die Gaster ist sehr klein für eine Königin – aber der Kopf hingegen ist doppelt so breit, und hat Herzform, er sieht fast aus wie bei Lasius fuliginosus. Anhand des Königinnenbuckels kann man sie gut von Arbeiterinnen unterscheiden. Die Königinnen sind sehr flink, und durch die Kopfform gut gepanzert gegen ihre Wirtsameisen, welche durchaus Anfang feindlich gesinnt sein können. Die Farbe von Chthonolasius geht meist von dunkelbraun ins gelbe bis rote über, teilweise wohl artabhängig.
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Dann nahm ich sie mit, und suchte mir ein „Opfervolk“ einer Lasius – Art. In meiner Hast fand ich keine Lasius niger, sondern wohl psammophilus (?- kann auch was anderes sein), aber ich denke, nein hoffe, das wird der Königin egal sein. Ich bin jetzt ganz gespannt, auf die Gründung. Habe ein paar Arbeiterinnen und viele Puppen mitgenommen. Ich werde die Königin hinzusetzen, sobald sich das kleine Volk beruhigt hat. Das letzte Jahr hatte ich das selbe versucht, allerdings wurde die Königin von den Wirtsameisen getötet – diese sind durchaus nicht blöd und im laufe der Koevolution an ihre Parasiten angepasst.

Das Volk kam in eine Box mit Rg, und sie brachten die Puppen und Larven auch schnell dorthinein. Sie wurden mit Honig zugefüttert, und beruhigten sich, allerdings nicht zur genüge. Bei meinen Versuch letztes Jahr ist es daran gescheitert, dass zuviele Arbeiterinnen auf einmal die Königin schon vor dem Nest angreifen konnten. Also nahm ich eine zweite Box, in der ich das RG plazierte, so dass die furagierenden Arbeiterinnen in der einen Box zurückblieben. Dann nahm ich die Königin, und setzte sie, soweit weg vom Eingang wie möglich, auch in die Box. Sie orientierte sich darin erstmal, mit ihren Fühlern wurden Duftspuren ihrer Wirtsameisen gerochen, so vermute ich zumindest. Sie fand dann auch, was z.T. an der kleinen Box lag, zum Eingang, wo schon 2 Arbeiterinnen hinausblickten. Die Königin reagierte schnell, und packte eine dieser Arbeiterinnen.
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Königin mit gefangener Arbeiterin
Jetzt wurde es richtig spannend! Die Arbeiterin, oder eine der anderen, signalisierte dem Restvolk einen Alarm. Es ist gut möglich, dass sich diese Wirtsameisen bereits auf die Abwehr von Sozialparasiten spezialisiert haben durch den Selektionsdruck, und ihre eigene Abwehrstrategie ausführten. Die Königin rannte, mit der mittlerweile toten Arbeiterin schnell durch die Arena, während aus dem RG ca. 10 Arbeiterinnen der Lasius stürmten, und überall umherwuselten. Dann und wann erwischte eine Arbeiterin die Königin am Bein, hätte ich nicht mit der Pinzette ständig Arbeiterinnen abgewimmelt von der Königin, hätte diese den Angriff wohl nicht überlebt, da die Arbeiterinnen wirklich aggressiv vorgingen und sich in den Beinen verbissen. Ich fürchtete schon, die Königin erstmal entfernen zu müssen. Dann aber wendete sich das Blatt – die Königin verstecke sich unter einen Stein, und machte irgendwas nicht erkennbares mit der gefangenen Arbeiterin. Ich wehrte inzwischen immer noch mit der Pinzette Arbeiterinnen ab, so dass diese nicht zufällig zu der Königin gelangten. Dann schaffte es doch eine, und die Königin flüchtete, wobei sie ihre Arbeiterin zurückließ. Doch interessanter Weise rekrutierten die Lasius nicht mehr sonderlich stark. Die Königin rannte immer noch vor ihnen weg, und bald reagierten sie nicht mehr aggressiv. Die Königin fing an, vorsichtig Arbeiterinnen näher kommen zu lassen, und mit den Fühler zu betrillern. Dann kamen plötzlich 3 weitere, und verschwanden mit der Königin unter einem Erdbrocken. Wurde sie akzeptiert, oder krepierte sie dort gerade? Ich wurde nervös und drehte den Erdbrocken rum – tatsächlich, die 3 Arbeiterinnen beleckten ihre neue Königin. Dann verschwanden sie recht schnell im Reagenzglas, tatsächlich, die Königin war akzeptiert!
Wirklich spannend, und ich kann nur als Tipp an jeden weitergeben, gebt der Königin ausreichende Versteckmöglichkeiten und viel Platz, so dass sie vor den Arbeiterinnen besser flüchten kann- in der Natur wäre das nicht so knapp geworden.
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Ich setzte das Reagenzglas zurück zu den anderen Arbeiterinnen. Eine Stunde später blickte ich in das Reagenzglas, die Königin, war tot! Man sieht auf dem Bild, Arbeiterinnen ergreifen aggressiv ihre Hinterbeine, das war wenige Minuten bevor sie starb.
Ich bin unendlich enttäuscht, und hoffe, dieses Jahr noch eine weitere Königin zu finden, und dann endlich eine gelungene Adoption schaffe.

Woran es wohl lag? Mir fallen mehrere Möglichkeiten ein:
-falsche Wirtsart
-durch das hinzusetzen zu den alten Arbeiterinnen, die die Königin noch nicht kannten
-die Kolonie war zu kurz weissellos, hatten es noch nicht realisiert und akzeptierten daher die Königin nicht

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